Auf die Plätze, fertig, los!

Auf die Plätze, fertig, los!

Mein Auslandsjahr vergleiche ich gerne mit einer Zehn-Kilometer-Joggingrunde um einen großen See. Am Anfang freut man sich darauf, muss aber auch ein bisschen über den eigenen Schatten springen, um endlich loszugehen. Während des Laufens wird es immer anstrengender, es ist aber unmöglich umzudrehen, weil der Weg zurück wahrscheinlich noch länger wäre als geradeaus bis zum Ende durchzurennen. Und plötzlich ist man beim letzten Kilometer und die Strecke wirkt so kurz. Man denkt sich: Eine weitere Runde könnte ich jetzt noch laufen. Doch zu schnell ist es vorbei, stolz auf sich selbst fühlt man sich gesünder und besser als zuvor und man schließt schon wieder Pläne für den nächsten Lauf.

Was beim Laufen zehn Kilometer sind, waren für mich meine zehn Monate in China. Und der See meine Motivation, immer weiter zu gehen, zu lernen, nie aufzugeben. Ein Austauschjahr in China ist anstrengend, ja, aber doch so voller atemberaubenden Momenten, liebevollen Menschen und leckerem Essen.

Familie?

Ich lebte in der Großstadt Nanchang in einer der ärmeren Provinzen Südostchinas. Meine Gastfamilie bestand aus Vater, Mutter, großem Bruder, kleiner Schwester, Großmutter, Haushälterin und Hund. Sie haben mein Austauschjahr so problemlos und wunderbar gemacht. Meine Gastschwester war meine beste Freundin gleich von Anfang an. Ob es an unserem gleichen Musikgeschmack lag oder ob wir einfach so perfekt aufeinander zugeschnitten waren, ist mir bis heute nicht klar. Durch ihr gutes Englisch und breites Wissen über Europa und westliche Kultur war von Beginn an  die Kommunikation kein Problem. Wir gingen zusammen in eine Klasse, sie half mir Chinesisch zu lernen und China zu verstehen.  Egal welche Frage ich auch hatte (Warum ist in China alles so laut? Warum ist Chinesen Schule so wichtig? Wo kann ich Karaoke singen? Wie soll ich diese beiden Schriftzeichen unterscheiden?), sie versuchte alle so gut wie möglich zu beantworten. Obwohl sie ein Jahr jünger ist als ich, kam ich mir oft als „die Kleine“ vor, da ich wie ein Neugeborenes in China die Sprache und die Lebensart komplett neu erlernen musste.

Die Person, mit der ich die meiste Zeit verbracht habe, war unsere Haushälterin, die ich Laomei nannte. Obwohl ich sie anfangs nicht wirklich mochte, änderte sich meine Meinung über sie schnell als ich begann, ihr dialektdurchzogenes Chinesisch zu verstehen. Durch sie lernte ich nicht nur, wie man die ganzen leckeren Gerichte kocht, die jeden Tag zuhause auf den Tisch kamen, sondern ich lernte auch eine andere Seite der chinesischen Gesellschaft kennen. Wie viele Chinesen der Unterschicht kam sie von einem Dorf in die große Stadt um bei reichen Familien als Haushaltshilfe, Kindermädchen oder Altenpflegerin zu arbeiten. Mit Stolz erzählte sie mir einmal, dass es ihr Sohn auf die Universität geschafft hatte, was bei meinen Gastgeschwistern als selbstverständlich vorausgesetzt wurde.

In meiner Gastfamilie standen die Kinder sehr im Fokus. Während in meiner deutschen Familie jedes Mitglied genauso viel zu sagen hat und im Haushalt zu helfen hat, egal welchen Alters, ging es in meiner Gastfamilie viel darum, meine Gastschwester Minwan durch die Schule zu bringen. Im Haushalt helfen musste sie überhaupt nicht, selbst dann, wenn unsere Haushälterin nicht da war.

Ein tolles Erlebnis war das Neujahrsfest mit meiner Familie. Feste in China werden vor allem auf eine Weise gefeiert: mit der Familie zu essen. So fuhren wir Ende Januar (das chinesische Neujahr richtet sich nach dem Mondkalender) in eine kleine Stadt in der Provinz Fujian zur Familie meines Gastvaters. Shaowu ist sogar nach deutschen Verhältnissen eine Kleinstadt, weshalb ich leider keinen Drachentanz zu Gesicht bekam. Dies machte das Ganze nicht weniger interessant oder wunderbar. Zum Ersten war es schön, einmal in einem nicht so überfüllten Ort zu sein in den Bergen und zum Zweiten hießen mich meine Gastverwandten so herzlich willkommen, dass der Drachentanz sofort vergessen war. Drei Tage verbrachten wir zusammen. Ein besonderes Gericht waren Jiaozi, gekochte gefüllte Teigtaschen, die wir selber machten. Neben dem Essen gingen wir auch auf einen Berg und zu einem Tempel. Dort war ein lautes Gewusel und es sah aus wie ein Schlachtfeld voller roter Bänder und Räucherstäbchen. Überall zündeten Leute Feuerwerk. Im Nachhinein denke ich, das war wahrscheinlich einer der „chinesischsten“ Momente, die ich erlebt habe.

Schule?

Den größten Unterschied zu Deutschland bekam ich in der Schule zu spüren. Obwohl mir gesagt wurde, dass das chinesische Schulsystem eines der anstrengendsten der Welt ist, war es doch nochmal etwas anderes, es hautnah mitzuerleben. Ein normaler Schultag für meine Gastschwester und mich begann um sieben Uhr und endete um 21 Uhr. Da ich Austauschschüler war, durfte ich meistens schon 18 Uhr nach Hause gehen und musste samstags nicht in die Schule. Der Zeitaufwand ist schon sehr anders als in Deutschland. Während hier Schule nur ein Teil des Lebens ist und es erwartet wird, auch ein Leben außerhalb der Schule haben, nimmt Schule für chinesische Schüler alles ein. Allerdings können sie sich so auf eine Sache konzentrieren und müssen nicht gleichzeitig gut in der Schule sein, an AGs teilnehmen, Freunde treffen, Sport treiben und sich ehrenamtlich engagieren.

Schüler gehen sehr respektvoll mit den Lehrern um. Es gibt sogar einen „Lehrertag“, an dem die Schüler den Lehrern kleine Geschenke geben und sich bei ihnen bedanken. Die Lehrer sind weniger persönlich mit den Schülern als in Deutschland, aber nicht militärisch, wie man es vielleicht annehmen könnte. Das liegt einerseits daran, dass die Klassen oft größer sind und ein Lehrer so sich kaum auf die einzelnen Schüler konzentrieren kann und andererseits daran, dass die Unterrichtsräume videoüberwacht sind und so der Lehrer nicht mal „ein Auge zudrücken“ kann, ohne dass es der Schulleiter erfährt.

Veränderung!

Während meines Austausches habe ich auch einen neuen „europäischen Stolz“ in mir entdeckt. Einerseits lag es daran, dass viele Chinesen mich für eine Amerikanerin hielten und als Amerikanerin wollte ich nicht gelten. Andererseits habe ich ganz neue Vorstellungen von Distanz bekommen. Da Europa ungefähr genauso groß ist wie China, finde ich es ziemlich faszinierend, wie viele unterschiedliche Sprachen und Kulturen wir auf so einer kleinen Fläche haben und wie wenig ich doch über diese Länder weiß.

China hat mir beigebracht, zielstrebig und diszipliniert zu arbeiten. Durch die offene Art der Chinesen habe ich gelernt, nicht so argwöhnisch zu sein und Neugierde nicht zu verbergen. Die meisten Fremden meinen es gut. Was ich außerdem mitgenommen habe ist, dass es manchmal gar nicht so gut ist sich aufzuregen über Dinge, die man eh nicht ändern kann und sie einfach hinzunehmen.

Letztendlich denke ich, die meisten Klischees sind wahr. Chinesen sind klein (auf jeden Fall die aus Südchina), fleißig (ohne Frage) und obwohl sich ihre Gesichter genauso sehr voneinander unterscheiden wie Gesichter in Europa, haben sie doch ein weniger individuelles Leben und eher einheitliche Lebensziele. Doch ich würde gern noch ein paar weniger bekannte ‚Klischees‘ hinzufügen: Chinesen sind warmherzig, neugierig, lebensfroh und haben eine unglaubliche Kraft durchzuhalten und zu bestehen.

Zu guter Letzt möchte ich mich herzlichst bei der Stiftung Mercator bedanken, durch deren großzügiges Stipendium mein Traum eines Austauschjahres erst ermöglicht wurde. Was sie mir gegeben haben war weit mehr als nur ein Flugticket nach China, es war ein unglaubliches Erlebnis, das noch lange mein Leben weiter verändern und beeinflussen wird.