Land der Gegensätze

Erfahrungsbericht von Clara, Austauschjahr in China

„Warum denn ausgerechnet China?“

Diese Frage schlug mir in den Monaten vor Beginn meines Austauschjahres unzählige Male entgegen. Mein Entschluss, ein Jahr im Reich der Mitte zu leben, stieß oft auf verwirrtes Kopfschütteln, ungläubiges Staunen und teilweise schieres Unverständnis.

China mag sich zwar täglich bei uns in den Medien wiederfinden und das Label „made in china“ ziert schon längst sämtliche Produkte weltweit. Dennoch liegt China scheinbar generell für viele Menschen in Europa – kulturell gesehen – noch Welten entfernt.

Von daher freut es mich umso mehr, dass ich nun schon seit mehreren Monaten dieses faszinierende Land nicht nur besuchen, sondern wirklich erleben darf. China als vollwertiges Mitglied einer chinesischen Familie zu entdecken, ist ein spannendes Erlebnis, das mir täglich neue Erfahrungen bietet. Doch was bedeutet das eigentlich, mein „chinesischer Alltag“? Wie sieht mein Leben hier in China aus?

Alltag in Beijing

Ein Leben hier in Beijing hat viele Facetten, viele Bereiche, viele Farben. Genau wie diese Stadt selbst, die kontrastreicher nicht sein könnte. Moderne Hochhäuser und glänzende Bankenviertel neben den traditionellen Hutongs des alten Beijings. Bittere Armut und strahlender Reichtum. Konservatismus und Offenheit. Moderne und Tradition. Pferdewagen neben BMW, glitzernde Schaufenster neben heruntergekommenen Gassen. McDonald's und Starbucks Coffee neben der Garküche am Straßenrand. All das findet sich hier auf engstem Raum, oft schon innerhalb einer Straße und führt zu Beijings einmaliger faszinierender Atmosphäre.

Hobby Hausaufgaben?

Leben in China bedeutet, fünf Tage die Woche zusammen mit 50 Mitschülern in einer Klasse von halb acht Uhr morgens bis 17 Uhr abends in der Schule zu verbringen und dabei sein Bestes zu versuchen, wenigstens einen Teil des chinesischen Redeschwalls der Lehrer und Freunde zu verstehen. Sich mit dem engen Raum im Klassenzimmer und der zweimal täglichen Augengymnastik zu arrangieren. Und mit der äußerst wenigen Freizeit chinesischer Freunde. Der Leistungsdruck, unter dem chinesische Schüler stehen, ist nämlich enorm, und obwohl ich das auch schon vor meinem Austauschjahr gehört hatte, war ich doch extrem erstaunt über den Arbeitseifer, der hier an den Schulen herrscht. Viele meiner chinesischen Mitschüler antworten nach ihren Hobbys gefragt: „Homework and studying.“ Das Wort „Streber“ hat in China eine positive Bedeutung, und Disziplin vor Lehrern und Schule steht an oberster Stelle. Hausaufgaben bis Mitternacht sind kein Einzelfall und Extrastunden am Wochenende werden vorausgesetzt. Besonders am Anfang war es schwer für mich, das gesamte Schulleben zu akzeptieren und mich zu integrieren, sind doch viele Schüler sehr gestresst und haben wenig Zeit für außerschulische Aktivitäten. Das hat sich aber gebessert und mittlerweile haben Freunde, die früher nie Zeit hatten, auch mal einen freien Nachmittag am Wochenende.

Heuschrecken und Skorpione als Knabbereien

Leben in China bedeutet, in kleinen Straßenrestaurants für umgerechnet 2 Euro ein Menü vorgesetzt zu bekommen, das mehrere Michelin-Sterne verdient, an fahrbaren Straßenständen Milchtee und andere Snacks zu kaufen und auf dem Nachhauseweg nach der Schule mit Freunden heiße geröstete Kastanien zu genießen. Chinesische Küche wird nicht umsonst als die vielfältigste der Welt bezeichnet. Und neben der berühmten Beijing Kaoya, der „Pekingente“, sind hier in Beijing vor allem Jiaozi (gefüllte Teigtaschen) und Baozi (gedämpfte gefüllte Teigtaschen) sehr beliebt. Abgesehen von diesen Köstlichkeiten habe ich mich auch an etwas exotischere Gerichte gewagt, zum Beispiel gegrillte Heuschrecken und Skorpione, die hier am Spieß verkauft werden. Das Ergebnis: schmeckt wie Chips, jedenfalls solange man sich nicht genauer vorstellt, was man da gerade genau isst. Die Vielfalt der chinesischen Küche hier zu beschreiben, würde kein Ende finden, deshalb will ich mich beschränken und nur zusammenfassen: Essen stellt in China wirklich einen wichtigen Teil der Kultur dar, was man an den zahlreichen leckeren Varianten und der ausgeprägten Leidenschaft und Freude der Chinesen am gemeinsamen Essen merkt.

Als achtes Weltwunder auf der chinesischen Mauer

Leben in China bedeutet, in klapprigen Bussen auf 16-spurigen Straßen durch Beijing zu fahren, sich hoffnungslos zu verirren und dann mithilfe von einem der zahlreichen Taxis doch noch sein Ziel zu erreichen, oder während der Rushhour in der U-Bahn so gedrückt zu werden, dass man beginnt, sich vorm Ersticken zu fürchten. Am spannendsten war es für mich, meinen Schulweg mit dem Rad zu meistern. Denn Fahrradfahren in Beijing bedeutet, alle in Deutschland jemals gelernten Verkehrsregeln zu vergessen. Ampeln haben keinerlei Bedeutung, Zebrastreifen dienen allerhöchstens zur Verzierung und jeder sucht sich irgendwie seinen Weg durch das Chaos, sei es nun links oder rechts, auf dem Bürgersteig oder gegen die Einbahnstraße. Und dazu kommt das ewige Hupen, was hier in Beijing regelrecht Massenleidenschaft zu sein scheint, egal, ob nun notwendig oder nicht.

Leben in China bedeutet, täglich wie ein achtes Weltwunder angestarrt zu werden. Selbst in Beijing sehen viele Menschen eine blonde Ausländerin als einzigartiges Phänomen, sodass ich schon lange aufgehört habe, die Fotos, die von mir und mit mir gemacht wurden, zu zählen. Kleine Kinder deuten mit dem Finger und rufen „waiguoren“ (Ausländer), überall drehen sich die Köpfe und besonders mutige Chinesen sprechen mich auch mal an und sind dann umso erstaunter, wenn ich ihnen erkläre, dass ich trotz blonder Haare keine Amerikanerin bin.

Leben in China bedeutet, chinesische Händler, Verkäufer, Nachbarn und Bekannte mit den eigenen Sprachkenntnissen zu überraschen, ist doch Chinesisch für Ausländer eine unerlernbare Sprache. Dass jemand mit blonden Haaren und blauen Augen Mandarin spricht, bleibt hier für so manchen Chinesen unvorstellbar. Auf der anderen Seite bringt mich diese Sprache oft um den Verstand, so verwirrend kann sie sein. Nicht zu vergessen natürlich die zahlreichen Missverständnisse, die ich aufgrund falscher Betonung einzelner Wörter schon hervorgerufen habe.

Leben in China bedeutet, mit der Zeit anzufangen, über die Touristen den Kopf zu schütteln, die sich beim Shoppen über angebliche Schnäppchen freuen, ohne auch nur zu ahnen, wie sehr sie von den Händlern hochgenommen wurden. Beijing ist ein einziges riesiges Paradies für alle, die gerne für in Europa unvorstellbar geringe Preise Klamotten, Schmuck und ähnliches kaufen. Allerdings muss natürlich schamlos gehandelt werden, eine Kunst, die man nie fertig lernen kann.

Leben in China bedeutet, auf der Chinesischen Mauer zu wandern, am Tiananmen Platz bei Sonnenaufgang zu beobachten, wie die chinesische Fahne feierlich gehisst wird, abends unter der strahlend modernen Skyline Ostbeijings zu spazieren und sich einen Snack an einem der vielen Straßenshops zu gönnen. Beijing Oper zu hören, die verbotene Stadt zu besichtigen und morgens im Park mit anderen Chinesen Taiqi zu üben und die zahlreichen Rentner zu beobachten, die hier Karten spielen, singen, tanzen, Texte rezitieren und, und, und...

Die Gastfamilie als Kultur-Wegweiser

Leben in China bedeutet, sich an fremde Regeln, eine neue Umgebung, chinesische Sitten zu gewöhnen und sich anzupassen. Dazu zählen nicht nur das schon erwähnte chaotische Verkehrsverhalten, sondern auch Essensgewohnheiten, der Tagesablauf, alltägliche Konversation und chinesische Bräuche. Naseputzen ist in China zum Beispiel in der Öffentlichkeit verpönt, aber sämtliche andere Geräusche von sich zu geben, ist kein Problem und vor allem beim Essen sogar wünschenswert. Insgesamt spricht man hier fast jeden mit „Onkel“, „Tante“, „Schwester“ etc. an und Fragen nach dem finanziellen Einkommen des Gesprächspartners gelten nicht als Tabu.

Einer der wichtigsten Bereiche meines Lebens hier ist natürlich meine chinesische Gastfamilie, die mich so herzlich und warm aufgenommen hat, dass ich mich hier wie in einem zweiten Zuhause fühle. Meine Gasteltern und meine Gastschwester geben ihr Bestes, mir die chinesische Kultur aus ihrer Sichtweise zu zeigen und zu erklären. Außerdem weisen sie mich in die unterschiedlichsten Gebräuche, Traditionen und Verhaltensweisen ein. Es ist sehr interessant, eine fremde Lebensweise auf eine solch familiäre Art zu entdecken und erleben. Auch wenn mir so manches vielleicht nicht gleich gefällt und mir vieles am Anfang merkwürdig vorgekommen sein mag, so habe ich doch gelernt, dass Fremde nicht sofort als falsch oder schlecht zu verurteilen sind, sondern mich darauf einzulassen und es auszuprobieren. Im Nachhinein kann man sich seine Meinung bilden, sollte aber andere Sichtweisen respektieren. Es gibt kein Schwarz und Weiß, es gibt nur ein Anders.

Dieses Land muss man erleben!

In diesem Sinne möchte ich mich hier ganz herzlich bei meiner Austauschorganisation YFU e.V. bedanken, die mich auf dieses Austauschjahr besser nicht hätte vorbereiten können und auch jetzt während meiner Zeit in China immer für uns Austauschschüler da ist. Danke YFU!

All die beschriebenen Teile meines Alltags hier in Beijing, all die Erfahrungen und Erlebnisse machen nur einen winzigen Teil meiner bisherigen Zeit hier aus. Es ist unbeschreiblich, wie viele neue Dinge ich hier täglich entdecke, erlebe und erfahre. Es ist nicht immer einfach, aber es lohnt sich auf jeden Fall. Ich habe bisher in meinem Austauschjahr so viel gelacht wie noch nie, so viele Sachen gemacht, die ich mir vorher nie hätte auch nur vorstellen können, geschweige denn, mir zugetraut hätte, und Situationen gemeistert, die peinlich, traurig, lustig, anstrengend, faszinierend, interessant oder aufregend waren. Wenn ich an die kommenden Monate, an die Zeit, die ich noch in China verbringen werde, denke, freue ich mich schon auf viele weitere neue Erfahrungen, erlebnisreiche Tage, tolle Begegnungen und spannende Momente. Noch bin ich mitten drin, in meinem Austauschjahr in Beijing und ich kann gar nicht ausdrücken, wie sehr ich es zu schätzen weiß, diese Chance haben zu können.

Es liegen noch viele Tage, viele Ereignisse vor mir, bevor ich nach Deutschland zurückkehren werde, aber schon jetzt weiß ich, dass mein Leben hier einzigartig und unvergesslich ist und sein wird.

Auf die Frage „Warum denn ausgerechnet China?“ gibt es viele Antworten, man kann lange Reden halten und erklären, aber kurz gesagt, lässt sich antworten: „Weil ein Jahr in China eine wunderbare Herausforderung ist, die es sich lohnt anzunehmen, da man letztendlich durch den Einblick in eine der faszinierendsten und ältesten Kulturen der Welt und durch die Erfahrung, in einem sich derart schnell entwickelnden Land als Teil einer chinesischen Familie zu leben, auch einen neuen Blick auf sich selbst gewinnt. Weil man dieses Land einfach erleben muss!“