Ni hao!

Erfahrungsbericht von Leona, Austauschjahr in China

Seit nunmehr über drei Monaten bin ich mit YFU und einem Teilstipendium der Stiftung Mercator in Shenzhen, einer südchinesischen Küstenstadt in der Nähe Hongkongs und nun meiner zweiten Heimat. Obwohl ich mich erst an einiges gewöhnen musste, fühle ich mich mittlerweile einfach wohl hier, bei meiner neuen netten Familie und mit vielen neuen Freunden. Vor allem aber habe ich hier durch diese schon so unglaublich viel erleben können und es fällt mir schwer, nur über eine Auswahl zu berichten.

Wandelnde Sehenswürdigkeit aus dem Westen

Ich beginne einfach mit meinem Flug nach Peking, vielleicht einige der aufregendsten Stunden meines Lebens. Als wir deutsche Austauschschüler das Flugzeug betraten, waren die vielen Chinesen, die mit uns an Bord waren, noch Ausländer, Fremde. Als wir das Flugzeug nach 8 Stunden Flug dann wieder verließen, hatten sich unsere Rollen allerdings merklich verändert. Die Chinesen verschwanden in der Masse, doch wir waren als Ausländer plötzlich eine ziemliche Attraktion, wie eine wandelnde Sehenswürdigkeit, mit der viele Chinesen Fotos machen wollten.

Auch in Shenzhen hat sich das nicht verändert und so musste ich mich daran gewöhnen, häufig größerer Aufmerksamkeit ausgesetzt zu sein. Das bringt aber auch den Vorteil mit sich, für gewöhnlich schnell Hilfe zu bekommen, auf die ich ja doch häufig angewiesen bin. Allerdings finde ich es immer noch jedes Mal merkwürdig, wenn ich auf der Straße einfach im Vorbeigehen mit „Hello" begrüßt werde, ohne die Person je vorher gesehen zu haben.

Kommunikation geht auch ohne Worte

Mit meiner gesamten Familie, in der nicht alle Englisch können, zu kommunizieren, ist oft immer noch sehr lustig. Ich sehe endlich einen Nutzen in meiner langjährigen Freude am Pantomimespielen und manchmal mache ich es einfach chinesisch und lächele mich mit meiner Gastmutter gegenseitig an. Das wirkt hier oft fast genauso gut wie Reden und öfters sogar noch besser, habe ich gemerkt.

Leider konnte ich mir nämlich die Sprache nicht so schnell aneignen, wie ich es mir erhofft hatte. Ich finde es auch noch immer etwas schwer, die verschiedenen Silbentöne im Chinesischen immer richtig zu unterscheiden. Einmal war ich der Meinung, etwas von einem Schaf (yáng) gehört zu haben, als nur von etwas Gleichem (yíyàng) die Rede war. Aber auf alle Fälle bin ich überzeugt davon, dass Chinesisch nicht unlernbar ist, wie ich es vorher immer geglaubt hatte, und durch die hilfsbereiten netten Leute, die mich umgeben, bin ich immer noch sehr motiviert, weiter möglichst viel zu lernen. Die meisten wissen nämlich, dass Ausländer oft große Probleme mit Chinesisch haben, vor allem mit der Aussprache. So erlebe ich es nicht selten, dass jemand begeistert von meinem Chinesisch ist, wenn ich nur xièxiè (Dankeschön) richtig ausspreche. Außerdem helfen mir meine Mitschüler immer, wenn ich etwas nicht verstehe.

Ein etwas anderer (Schul-)Alltag

Obwohl chinesische Schüler leider immer sehr viel für die Schule zu tun haben, kann ich ziemlich glücklich mit meiner Schule sein, denn u. a. ist ihr Angebot an Nachmittagsaktivitäten wirklich beachtlich. Vor einiger Zeit konnte ich zum Beispiel beim schulinternen Fußballturnier in einer aus insgesamt 16 Mannschaften mitspielen. Bei einer Schülerschaft aus ca. 3000 bis 4000 Schülern gibt es für derartige Turniere ja immer mehr als genügend Mitspieler. Das große Interesse an den Aktivitäten führt aber auch dazu, dass ich wie die anderen Interessenten erst zu einer Art Vorstellungsgespräch geladen wurde und erst dann Mitglied in der Japanisch- und einer von vielen Musik-AGs werden konnte.

Glücklicherweise kann ich mich außerdem nachmittags regelmäßig mit Freunden zum Tischtennisspielen treffen und manchmal finden meine Freunde auch an den Wochenenden Zeit für gemeinsame Aktivitäten, die wegen ihrer Seltenheit schon mal ein ziemlich straffes Programm enthalten können. Bei einer meiner letzten Unternehmungen war ich zum Beispiel an einem Tag in einem Park einen Hügel besteigen und Denkmäler betrachten, in einem Restaurant zu Mittag essen, eine Bücherei besuchen, an einem Strand spazieren, ein Stadion besichtigen, auf einem Parkplatz Drachen steigen lassen und zu guter Letzt bei meiner Freundin zu Hause. Ansonsten kann ich mich aber auch häufig mit den anderen Austauschschülern treffen, um mehr von dieser spannenden, modernen und lebendigen Stadt zu sehen.

Grüner-Tee-Kekse und Rote-Bohnen-Eis – die kulinarische Vielfalt Chinas

An ein paar Wochenenden war ich aber auch schon mit meiner Familie in Orten in der Umgebung. In einem von diesen habe ich dann einmal tatsächlich auf einem Schild an einem Laden ein Angebot von Hundefleisch gesehen. Für beinahe jedes Tier scheint hier Verwendung gefunden zu werden. Von vielem anderen noch abenteuerlicheren Essen habe ich nämlich auch schon gehört und ich glaube, auf dem Esstisch schon so etwas wie geröstete Bienen und Krokodil gehabt zu haben. Ansonsten kann ich aber nur von dem Angebot an unterschiedlichsten Speisen schwärmen! Ich finde sie (mittlerweile) fast ohne Ausnahme sehr lecker und das Beste ist, dass sie meistens auch sehr erschwinglich sind. Ich habe mich schnell an Ingwer und Essig gewöhnen können, die ich vorher nicht besonders ausstehen konnte, aber auch an Grüner-Tee-Kekse und Rote-Bohnen-Eis! Nur dem Apfelessiggetränk oder der süß-sauren „Pflaumensuppe“ ziehe ich immer noch anderes vor, wie zum Beispiel frischen Melonensaft.

Die Metropole Shenzhen

Es gibt neben dem Essen und den Essgewohnheiten aber auch noch so viele weitere Kleinigkeiten, die mich etwas erstaunt haben. Auf einigen Bahnsteigen gibt es zum Beispiel Ordnungspersonal, das die wartenden Leute anweist, sich in Schlangen dort anzustellen, wo die Türen der Bahn halten werden. Man merkt einfach überall, wie die hohe Einwohnerzahl die Stadt und die Gesellschaft, das Leben hier, beeinflusst, am deutlichsten wohl in den oft total überfüllten Verkehrsmitteln, Aufzügen und Autobahntoiletten, aber auch bei Schulversammlungen, zu denen die Schüler geordnet als Klassen geschlossen zu festgelegten Sitzblöcken gehen müssen, um ein Gedränge zu vermeiden, und nicht zuletzt an den vielen riesigen Wohnhäusern. Was mir aber an Shenzhen dabei sehr gefällt, ist, dass fast überall an den Straßen und in den vielen schönen Parkanlagen größere tropische Bäume stehen und zwischen all den eher unästhetischen Häusern an größeren Straßen und Plätzen immer auch schöne, exotische Blumen zu finden sind.

Ein neues Bewusstsein für Kultur und Nationalität

Chinesische Kultur heißt bei mir aber schon längst nicht mehr nur das Lächeln, die leckere und kuriose Küche oder Gedichte rezitieren im Chinesisch-, Papierschnitte von Mao Zedong im Kunst- und Tai Chi oder Kung Fu im Sportunterricht. Ich habe durch unzählbar viele kleinere und größere Unterschiede begriffen, dass China einfach anders und unbeschreiblich ist und ich sicherlich mit dem Gefühl abreisen werde, über viele interessante Sachen noch zu wenig in Erfahrung gebracht zu haben. Aber sicher ist auch jetzt schon, dass ich trotzdem einiges mitnehmen können werde. Denn ich denke, auch für meine persönliche Entwicklung ist China aus mehreren Gründen eine sehr bedeutsame Erfahrung.

Ich glaube, durch eine so andere Umwelt mich selbst genauer kennenlernen zu können. Wenn ich zum Beispiel, je nach Begleitung, für eine andere Nationalität gehalten werde, also ich mit den anderen Austauschschülern zusammen so wie diese meistens für eine US-Amerikanerin oder Engländerin gehalten werde, aber mit Chinesen zusammen auch mal selbst wie eine Chinesin wirke, wird mir meine „kulturelle Zusammensetzung“ bewusst. (Meine Mutter ist Europäerin und mein Vater ist Asiate.)

Glücklich in der Rolle der Austauschschülerin

Außerdem gewinne ich auf der einen Seite in vieler Hinsicht an Selbstvertrauen und werde mir meiner Unabhängigkeit bewusst, lerne auf der anderen Seite aber auch die Hilfsbereitschaft anderer Menschen besser zu schätzen. Hinzukommt, dass all die Erfahrungen durch die vielen Unterschiede zu Deutschland, die es trotz der zunehmenden westlichen Orientierung noch in Fülle gibt, mir ein anderes, detailliertes Bild von der Welt vermittelt haben. Auch die meisten Chinesen sind sehr an anderen Ländern interessiert und hören mir gespannt zu, wenn ich zum Beispiel erkläre, warum ich mich amüsiere, wenn sie sich mit einem Löffel Salzbutter auf ein Rosinenbrötchen streichen, aber auch wenn ich meiner Freundin versichern kann, dass ihre Traumvorstellungen von einer individuelleren Schulerziehung anderswo durchaus schon annähernd der Realität entsprechen.

So fühle ich mich hier in meiner Rolle als Austauschschülerin sehr wohl und bin sehr zufrieden mit meiner Entscheidung, dieses Jahr in China zu verbringen. Ich glaube, zumindest das lag in meiner Verantwortung, die ich mir, meiner deutschen Familie und meiner Gastfamilie, YFU und der Stiftung Mercator gegenüber trage, die mir eine so unbezahlbare Erfahrung ermöglicht haben. Vielen herzlichen Dank für die Unterstützung!

Leona (für Chinesen auch: Li Ou Na)