Hund süß-sauer

Erfahrungsbericht von Miguel, Austauschjahr in China

Die Vorbereitung in Deutschland seitens YFU war ausgezeichnet. Doch als wir 20 Austauschschüler im Juli hier landeten, stellten wir schnell fest: Hier ist alles anders. Schließ die Augen und stell dir vor,…

… du lebtest in einer Gesellschaft, in der jede Familie nur ein Kind hat. In der U-Bahn würde die Durchsage „Bitte geben Sie acht auf Ihr Gepäck und Ihr Kind“ lauten und in deiner Klasse würden dich deine über 50 Mitschüler verdutzt anschauen, wenn du ihnen sagst, dass du ein oder sogar mehrere Geschwister hast.

… du verbrächtest jeden Tag von 7.15 bis 17 Uhr in der Schule und verstündest am Anfang kein Wort. Du müsstest lernen, dich neun Schulstunden pro Tag auf engstem Raum zu arrangieren und dich an jeden Morgen Morgengymnastik und zweimal täglich Augengymnastik gewöhnen.

… du würdest für umgerechnet 5 Cent in klapprigen Bussen durch die Stadt fahren oder bei fast genauso günstigen Taxifahrten auf 18-spurigen Straßen durch die Stadt düsen.

… du äßest jeden Tag drei warme Mahlzeiten, die unbeschreiblich lecker schmecken würden. Neben Reis würdest du die chinesische Küche fernab von den chinesischen Restaurants in Deutschland erleben. Du könntest nicht mehr ohne Baozi, Jiaozi, Hundun, Roujiamo oder Tangyuan leben und würdest dich täglich fragen, wie du dein bisheriges Leben ohne Naicha (Milchtee) überlebt hast.

… du sprächest eine der schwierigsten Sprachen der Welt nach einigen Monaten recht fließend und brächtest mit deinen Sprachkenntnissen so manchen Chinesen um den Verstand. Niemand würde dir glauben, dass du die Sprache, die für die Chinesen zweifelsohne für Ausländer als unerlernbar gilt, in so kurzer Zeit so gut gelernt hast.

… die Chinesen würden sich auf einer Parkbank neben dich setzen, um ein Foto mit dir zu machen oder fragen, ob sie deine blonden oder lockigen Haaren berühren dürften und nach deiner Erlaubnis fast in Ohnmacht fallen und all ihre Freunde anrufen.

… du dürftest dir in der Öffentlichkeit nicht die Nase putzen, da dies als äußerst unhöflich gilt, dich jedoch damit abfinden müssen, dass Chinesen – überwiegend Männer – am Tisch aufstoßen und auch andere Geräusche von sich geben, ohne dass jemand dabei schief guckt.

… du würdest für Friseurbesuche nur umgerechnet 2 Euro bezahlen und mit dem Ergebnis immer zufrieden sein, weil die Chinesen die Herrscher der Haarschnitte sind.

… du erlebtest jeden Tag regelrechte Fahrradstaus, da die Chinesen sich kaum an Verkehrsregeln halten. Du würdest 16-spurige Straßen in maximal 20 Sekunden überqueren und dich andauernd im Großstadtdschungel verlaufen oder verfahren, da überall andauernd irgendetwas gebaut wird und du dich deshalb kaum orientieren könntest.

Kurz: Stell dir vor, du lebtest ein Jahr in China.

Wenn du dir diese Punkte durchgelesen hast, die nur einen Bruchteil der Sachen ausmachen, die mein Leben hier prägen, dann kannst du dir ungefähr vorstellen, was mein Leben hier so lebenswert macht. Allem voran natürlich meine wunderbare Gastfamilie, die sich unbeschreiblich herzlich um mich, ihren zweiten Sohn, kümmert und mir in allen Angelegenheiten hilft, wie sie nur kann. Vor allem meine Gastmutter, die mir dieses Land, in das ich mich schon längst verliebt habe, aus ihrer Perspektive erklärt und näherbringt, wie es niemals ein Buch oder eine Reportage auch nur annähernd schaffen könnte.

Ebenso tun es ihr meine zahlreichen chinesischen Freunde gleich, die wahrlich nichts auf mich kommen lassen und fast genauso neugierig gegenüber meiner Heimat sind wie ich gegenüber ihrer. So findet ein Kulturaustausch statt, wie ich ihn mir intensiver und besser nicht vorstellen könnte. So entstehen Freundschaften fürs Leben, die Entfernungen trotzen. Längst habe ich begriffen: Die Chinesen sind ein Volk, das man erleben muss. Man kann die Geschichte des meistbevölkerten Staates der Erde nicht begreifen, wenn man dieses Land nicht besucht hat. Ich bin überzeugt, dass man dafür die Kultur hautnah kennenlernen und sich auf sie einlassen muss, um begreifen zu können, wie über 1,3 Milliarden Menschen – ein Fünftel der Weltbevölkerung – denken.

Längst habe ich mich in Nanjing verliebt und kenne mich hier besser aus als in meiner Heimatstadt Köln. Ich weiß, wo es das leckerste Essen und die schönsten Parks gibt, und kaum ein Einkaufszentrum blieb von mir unbetreten.

Und zum Schluss möchte ich noch eine Sache ein für alle Mal aus der Welt schaffen: Die Chinesen essen kein Hundefleisch! Das ist ein Gerücht, das dringend beseitigt werden muss. In den zahlreichen Hungersnöten mögen die Chinesen auf Hundefleisch zurückgegriffen haben, doch dies war im Zweiten Weltkrieg in Deutschland nicht anders. Überdies habe ich auch noch nie Süß-Sauer-Soße gesehen: Diese wird eher im tiefen Süden Chinas gegessen. Der Titel ist also nicht ganz so ernst zu nehmen… ;)